| Begrüßungsworte von Torsten Geerdts, Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages, anlässlich des Parlamentarischen Abends zur Vorstellung der Minderheiten und Volksgruppen in Nordschleswig und Schleswig-Holstein am Dienstag, 18. Mai 2010, 18.00 Uhr, im Landeshaus: Herzlich willkommen zum Parlamentarischen Abend der nationalen Minderheiten und Volksgruppen in Nordschleswig und Schleswig-Holstein. Zusätzlich zu den in der Einladung Genannten wird sich auch das Europäische Zentrum für Minderheitenfragen vorstellen, das eine hervorragende wissenschaftliche Minderheitenarbeit leistet und im Foyer seine Arbeit ausstellt. Ich freue mich sehr darüber. Für mich ganz persönlich ist die Minderheitenpolitik unseres Landes im Kern einerseits auf Respekt und auf Neugier, andererseits auf Loyalität gegründet. Dazu schulde ich Ihnen einige erklärende Worte: Ich bin stolz darauf, dass Schleswig-Holstein deutschland- und europaweit den Ruf hat, eine vorbildliche Minderheitenpolitik zu praktizieren. Aus dem früheren Gegeneinander ist ein Miteinander und ein Füreinander von Minderheit und Mehrheit geworden. Der respektvolle Umgang mit den Minderheiten und Volksgruppen in unserem Land und unsere Fürsorge für die deutsche Minderheit in Nordschleswig ist für mich nicht nur ein Indikator für die politische Kultur in unserem Land, sondern auch grundlegende Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft. Diese Gedanken stehen hinter Artikel 5 unserer Landesverfassung, der kurz und bündig bestimmt: „Das Bekenntnis zu einer nationalen Minderheit ist frei; es entbindet nicht von den allgemeinen staatsbürgerlichen Pflichten. Die kulturelle Eigenständigkeit und die politische Mitwirkung nationaler Minderheiten und Volksgruppen stehen unter dem Schutz des Landes, der Gemeinden und Gemeindeverbände. Die nationale dänische Minderheit und die friesische Volksgruppe haben Anspruch auf Schutz und Förderung.“ Es besteht bei allen Parteien, die im Landtag vertreten sind, der Konsens, Artikel 5 unserer Landesverfassung stetig mit Leben zu erfüllen. Dabei geht es um mehr, als nur die Schutz- und Förderungswürdigkeit zu beachten bzw. einzufordern. Mittlerweile ist das Bewusstsein gewachsen, dass die Minderheiten auch für die Mehrheitsbevölkerung eine Bereicherung darstellen, insbesondere mit Blick auf identitätsstiftendes Verhalten, auf kulturelle Vielfalt, Offenheit gegenüber anderen und grenzüberschreitende Orientierung. Ausweis des fraktionsübergreifenden Konsenses ist, dass der jeweilige Landtagspräsident oder die Landtagspräsidentin den Vorsitz bei den vom Landtag eingerichteten Gremien hat. 1975 wurde das Gremium für Fragen der deutschen Minderheit in Nordschleswig und 1988 das Gremium für Fragen der friesischen Volksgruppe im Lande Schleswig-Holstein gegründet. In diesen Gremien treffen sich zweimal im Jahr die Vertreter der Minderheiten mit Landtagsabgeordneten aller Fraktionen, den Bundestagsabgeordneten aus Schleswig-Holstein, Vertretern der Fachministerien und der Minderheitenbeauftragten der Landesregierung. Die Gremien als beratende Organe bieten die Möglichkeit zum Meinungsaustausch und die Chance für praxisnahe Problemlösungen. Ich freue mich, dass ich als Vorsitzender der Gremien meinen persönlichen Beitrag dazu leisten darf. Am 10. Mai dieses Jahres hat das Friesengremium auf Föhr getagt. Es war eine hochinteressante und bereichernde Begegnung, an die ich gerne zurückdenke. Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Tagung des Nordschleswig-Gremiums am 3. Juni, das in Kopenhagen stattfinden wird. Mit der Minderheit der Sinti und Roma arbeiten wir projektbezogen intensiv, harmonisch und zielorientiert zusammen. Ich denke dabei an das erfolgreiche Wohnprojekt Maro Temm, das ich in der letzten Woche besuchen durfte. Meine sehr geehrten Damen und Herren, Minderheiten- und Volksgruppenarbeit ist vorrangig geprägt vom persönlichen Einsatz derer, die sich zu Minderheit und Volksgruppe zählen. Ich lade Sie ein, heute Abend diese Menschen und ihr Anliegen kennenzulernen. Erfahren Sie mit uns in den nächsten Stunden – bei einem anregenden musikalischen und kulturellen Rahmenprogramm – die Bereicherung, die sich aus Vielfalt und grenzüberschreitender Orientierung ergibt. Die Moderation des heutigen Abends wird der Chefkorrespondent von RSH, Carsten Kock, übernehmen. Meinen herzlichen Dank dafür. Herr Kock, ich erteile Ihnen das Wort. Rede unseres Vorsitzenden, Erk Hassold: Gleich zu Anfang möchte ich sagen:
" Ein Friese geht nicht verloren"
Wir sind nicht unterzukriegen. Warum das so ist, erfahren sie am besten im persönlichen Gespräch. Sie erkennen uns entweder am Button oder natürlich an den schmucken Trachten. Friesen sind Bürgerinnen und Bürger, die sich aus unterschiedlichen Traditionen und Gründen als solche bekennen, gleich ob sie Friesisch, Plattdeutsch, Hochdeutsch oder eine andere Sprache sprechen. Dies gilt für die Bevölkerung im Kreisgebiet Nordfriesland und darüber hinaus für alle, die sich als Angehörige der friesischen Volksgruppe verstehen. "Friese ist, wer Friese sein will." Und das ist gut so. Friesen gibt es seit über 2.000 Jahren. Im siebten Jahrhundert kamen Friesen von der südlichen Nordseeküste in das Gebiet, das später "Klein-Friesland" und heute "Nordfriesland" genannt wird. Die Friesen in den drei Frieslanden unterhalten auch heute noch enge Verbindungen und profitieren voneinander. Seit 1999 gibt es den Interfriesischen Rat. Friesisch ist eine eigene Sprache- und kein Dünen-Dänisch oder Deich-Platt. In Schleswig-Holstein ist die friesische Volksgruppe in der Verfassung des Bundeslandes Schleswig-Holstein verankert; sie sichert ihr "Schutz und Förderung " zu. In dem 1998 in Kraft getretenen Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten wird sie auch auf europäischer Ebene anerkannt. Seit 2000 erhalten die Friesen jährlich Landes und Bundeszuschüsse. Mit diesen Mitteln werden diverse Projekte durchgeführt, die von wenigen Teilzeitkräften administriert werden müssen. Zu erwähnen sind hier vor allem die jüngsten Projekte: das Friisk Radio, das in wenigen Monaten auf Sendung geht und die neue Zentrale in Bredstedt, wo Friesenrat, Friisk Foriniing und Nordfriesischer Verein im Herbst Büroräume beziehen werden. Vielen Dank an dieser Stelle bei allen, die uns in unseren Bemühungen geholfen und unterstützt haben. Für die Umsetzung dieser Projekte bedarf es eines enormen persönlichen Einsatzes. Das trifft auf alle ehrenamtlichen Friesen zu. Solche Vorhaben kosten Zeit. Ich selbst weiß, wie oft ich meine Frau vertrösten muss. Ein Beispiel: im letzen Jahr war ich als Vorsitzender des Friesenrates 330 Stunden außer Haus und habe 7.500 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. Die anderen Friesinnen und Friesen registrieren das sehr genau. Nachwuchsprobleme in unseren Vereinen hängen unter anderem damit zusammen, dass es kaum noch Menschen gibt, die sich die Bürde so eines Vorstandspostens bzw. eines Vorstandsmitgliedes aufladen wollen. Ehrenamt darf aber nicht unattraktiv werden. Ansonsten wird das Engagement fürs Friesische schwer. Ich wünsche mir darum mehr Unterstützung seitens der Politik. Oftmals ist das genaue Gegenteil der Fall: Wir werden von der Vollzeit-Landes-Verwaltung wie eine Vollzeit-Verwaltung behandelt und arbeiten ihr teilweise sogar zu. Ich denke hier nur an das enorme Problem, das uns durch die anstehende Pensionierung der Friesisch- Lehrer und der neuen Schulreform ins Haus steht. Zahlen kamen von uns. Ob die Friesisch-Lehrer einen Nachfolger bekommen, hängt unter anderem von Studiengängen an den Unis, der regionalen Zuteilung der Referendare und nicht zuletzt von den Schulbehörden ab. Das ist ein Dreieck, an dem Profis ab und zu verzweifeln - und wir natürlich auch. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich mache das gerne. Ich habe viel gelernt und viele interessante Menschen kennen gelernt. So geht es auch anderen; die ehrenamtliche Struktur der friesischen Bewegung ist unsere absolute Stärke, weil wir ohne Umwege und oftmals selbst betroffen, sofort mitbekommen, was los ist. Wenn das Gymnasium in Wyk in der Oberstufe Friesisch-Unterricht einführt, sind davon 20 und mehr Familien betroffen. Ehrenamtler kommen auch manchmal auf pfiffigere Ideen. Das Gegenteil will ich den Profis aber nicht unterstellen. Trotzdem. Ich möchte das ein für alle Mal klarstellen: die friesische Bewegung ist keine Lobbyorganisation – so wird sie im politischen Tagesgeschäft aber leider gesehen. Wir stehen für das Menschenrecht auf Muttersprache. Verfassung und Charta verpflichten die Landesregierung, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, diese durch zu führen und zu finanzieren. Das ist nicht die Aufgabe von uns Ehrenamtlern. Das ist, denke ich, Stoff für viele Gespräche. Ich hoffe, diese Gespräche stehen heute Abend unter dem friesischen Motto: Weites Herz - klarer Horizont! Rüm hart - klar kimming! Galerie der beiden friesischen Beiträge von Lisa Rethwisch und der Gruppe "Junge Stimme des Nordens" und natürlich auch die Interpreten der anderen Minderheiten. |